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Paul Tillich: Die verlorene dimension (1958)

Es gibt zahlreiche Analysen des heutigen Menschen und der modernen Gesellschaft. Aber die meisten gehen nicht über eine Diagnose wichtiger Einzelzüge hinaus, und nur wenigen ist es gelungen, einen Schlüssel für das Gesamtverständnis unserer gegenwärtigen Lage zu finden. Obwohl dies nicht leicht ist, will ich es doch versuchen und mit einer Behauptung beginnen, die zunachst unverständlich klingen mag: Das entscheidende Element in der gegewärtigen Situation des westlichen Menschen ist der Verlust der Dimension der Tiefe: »Dimension der Tiefe« ist eine räumliche Metapher -was bedeutet sie, wenn man sie auf das geistige Leben des Menschen anwendet und sagt, dass sie ihm verlorengegangen sei? Es bedeutet, dass der Mensch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn seines Lebens verloren hat, die Frage danach, woher er kommt, wohin er geht, was er tun und was er aus sich machen soll in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod. Diese Fragen finden keine Antwort mehr, ja, sie werden nicht einmal mehr gestellt, wenn die Dimension der Tiefe verlorengegangen ist. Und genau dies hat sich in unserer Zeit ereignet. Unsere Generation hat keinen Mut mehr, solche Fragen mit unbedingtem Ernst zu stellen, wie es frühere Generationen taten, und sie hat auch keinen Mut mehr, auf irgendwelche Antworten auf diese Fragen zu holen. Ich beabsichtige, die Dimension der Tiefe im Menschen als seine »religiose Dimension« zu bezeichnen. Religios sein bedeutet, leidenschafftlich  nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen und für Antworten offen zu sein, auch wenn sie uns tief erschüttern. Eine solche Auffassung macht die Religion zu etwas universal Menschlichem, wenn sie auch von dem abweicht, was man gewöhnlich unter Religion versteht.

Religion als Tiefendimension ist nicht der Glaube an die Existenz von Göttern, auch nicht an die Existenz eines einzigen Gottes. Sie besteht nicht in Handlungen und Einrichtungen, in denen sich die Verbindung des Menschen mit seinem Gott darstellt. Niemand kann bestreiten, dass die geschichtlichen Religionen “Religion« in diesem Sinne sind. Aber Religion in ihrem wahren Wesen ist mehr als Religion in diesem Sinne: Sie ist das Sein des Menschen sofern es ihm um den Sinn seines Lebens und des Daseins überhaupt geht.

Viele Menschen sind von etwas ergriffen, was sie unbedingt angeht aber sie fühlen sich jeder konkreten Religion fern, gerade weil sie die Frage nach dem Sinn ihres Lebens ernst nehmen. Sie glauben, dass ihr tiefstes Anliegen in den vorhandenen Religionen nicht zum Ausdruck gebracht wird, und so lehnen sie die Religion ab »aus Religion«. Diese Erfahrung lehrt uns, zu unterscheiden zwischen Religion als Leben in der Dimension der Tiefe und den konkreten Religionen, in deren Svmbolen und Einrichtungen das religiose Anliegen des Menschen Gestalt gewonnen hat. Wenn wir die Situation des heutigen Menschen verstehen wollen, müssen wir von dem Wesensbegriff der Religion ausgehen und nicht von einer spezifischen Religion, auch nicht dem Christentum.

Wenn wir Religion als das Ergriffensein von einem letzten, unbedingten Anliegen verstehen, müssen wir eingestehen, dass der typische moderne Mensch sich keines solchen Anliegens bewusst ist. Was man für ein Wiederaufleben der Religion gehalten hat, ist der oft verzweifelte und meist vergebliche Versuch, das Verlorene wiederzugewinnen.

Wenn wir uns nun fragen, wie die Dimension der Tiefe verlorengegangen ist, so mussen wir sagen, dass hier wie bei jedem wichtigen Ereignis viele Gründe mitspielen; aber bestimmt nicht der eine, den Pfarrer und Massenprediger immer wieder anführen: nämlich die angebliche allgemeine Verderbnis unserer Zeit. Die Menschen sind heute weder besser noch slechter als früher. Dass der Mensch die Dimension der Tiefe verloren hat, liegt vielmehr in seinem Verhältnis zur Welt und zu sim selbst. Er hat sich mittels der Wissenschaft die Welt unterworfen und nutzt sie mit Hilfe der Technik aus. Dabei drängen ihn die treibenden Kräfte der industriellen Gesellschaft, von der er selbst ein Teil ist, in horizontaler Richtung voran. Sein Leben vollzieht sich nimt mehr in der Dimension der Tiefe, sondern in der horizontalen Dimension. Redensarten wie »immer mehr, immer grösser und immer besser « sind für diese Richtung symptomatisch.

Man darf die Kraft, die dieser Bewegung zugrunde liegt, nicht geringschätzen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, die Welt zu verstehen und zu verwandeln; und heute ist er sich bewusst, dass dieser Fähigkeit keine sichtbaren Grenzen gesetzt sind. En deutlicher Ausdruck für das Vorwärtsdringen in der horizontalen  Richtung ist die Durchbrechung des Schwerefeldes der Erde und die Eroberung des Weltraums. Es ist bezeichnend, dass man den Weltraum einfach »Raum« nennt und von »Raumschiffahrt« spricht, als ob Fortbewegung nicht immer im Raum stattfünde. Vielleicht spürt man, dass die wahre Natur des Raumes erst durch den Eintritt in den Weltenraum entdeckt worden ist. Auf jeden Fall hat die Eroberung des Raumes jenseits des Erdenraumes die Vorherrschaft der horizontalen Dimension über die vertikale ungeheuer verstärkt.

Die Frage, was den Menschen in der horizontalen Richtung vorwärts treibt, ist sicher zu beantworten. Manchmal ist man versucht, den Antrieb in dem Rausch der blossen uneingeschrankten Bewegungen zu sehen. Aber das ist keine genügende Erklärung. Auf seinem Weg in Raum und Zeit verandert der Mensch die Welt, der er begegnet, und diese Veranderung verwandelt wiederum ihn selbst. Indem er in seinem Drang nach vorwärts alles ihm Begegnende zum Werkzeug macht, wird er schliesslich selbst zum Werkzeug. Aber auf die Frage, wozu das Werkzeug dienen soll, weidd er keine Antwort.

Man braucht nicht weit nach Beispielen für diese Situation zu suchen: Unser tägliches Leben in Beruf und Familie, mit Auto- und Flugreisen, bei  Gesellschaften und Konferenzen, beim Lesen von Unterhaltungsblattem und Reklamen, beim Fernsehen und am Radio ist ein einziges grosses Beispiel für ein Leben ohne Dimension der Tiefe, für ein Leben, das vergeht, indem es jeden einzelnen Augenblick mit etwas ausfüllt, das getan, gesagt, gesehen oder geplant werden muss. Aber der Mensch kann nicht erfahren was Tiefe ist, ohne stille zu stehen und sich auf sich selbst zu besinnen. Nur wenn er sich nicht mehr um das Nächtste sorgt, kann er die Fülle des Augenblicks hier und jetzt erleben, des Augenblicks, in dem die Frage nam dem Sinn seines Lebens in ihm erwacht.

Solange die Sorge urn das Vorlaufige und Vergängliche (wie wichtig und interessant es im einzelnen auch sein mag) nicht zurücktritt, kann die Sorge um das Ewige nicht Besitz von ihm ergreifen. Hier liegt der tiefste Grund für den Verlust der Tiefendimension in unserer Zeit, für den Verlust der Religion in ihrer eigentlichen und universalen Bedeutung.

Mit dem Verlust der Tiefendimension gehen auch die Symbole verloren, die Ausdruck dieser Tieffe sind. Dies gilt für die grossen Symbole der westlichen Religionen, die Symbole des Judentums und des Christentums. An ihrem Untergang ist nicht in erster Linie die wissenschaftliche Kritik schuld, sondern die Tatsache, dass Theologen wie Laien die Bedeutung der biblischen Symbole nicht mehr verstanden und sie als Berichte tatsächlicher Geschehnisse wörtlich nahmen. Dadurch wurde der Angriff der Wissenschaft gegen sie möglich und notwendig. den ersten Schritt zur Zerstörung der Religion tat die Religion selbst. Als sie ihre Symbole zu retten versuchte, indem sie sie als Beschreibung tatsächlicher Ereignisse verteidigte, hatte sie den Kampf mit der Wissenschaft bereits verloren. Symbole sind nur lebendig, solange sie als Ausdruckt für das Leben in der Dimension der Tiefe verstanden werden. Wenn sie in die horizontale Ebene übertragen werden und ihre Inhalte auf eine Ebene neben endliche Gegenstände und Tatsachen gestellt werden, verlieren sie ihre Macht und Bedeutung und werden eine leichte Beute für die Angriffe der biologischen und historischen Wissenschaften.

Wenn das Symbol der Schöpfung, das auf den göttlichen Grund alles Seins hinweist, auf die horizontale Ebene übertragen wird, wird es zu einer Erzählung weit in der Vergangenheit liegender Ereignisse, für die es keine Belege gibt und die jeder wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechen. Wenn man das Symbol vom Sündenfall , das Ausdrück für die Entfremdung des Menschen und seiner Welt von ihrem wahren Wesen ist, auf die horizontale Ebene verlegt, wird aus ihm die Geschichte eines Menschenpaares, das vor Tausenden von Jahren in einem Land lebte, das heute Irak heisst. Eine der tiefgründigsten psychologischen Beschreibungen der menschlichen Situation wird auf der horizontalen Ebene zu einer Absurdität. Wenn man die Symbole des Heilands und der Erlösung die auf die heilende Kraft im menschlichen Leben und in der Geschichte hindeuten, auf die horizontale Ebene übersetzt, werden sie zu Berichten von einem halbgöttlichen Wesen, das aus dem Himmel stammt und in ihn zurückkehrt. So entstellt, haben die Symbole keinen Sinn mehr für Menschen, deren Weltbild durch die Naturwissenschaft geprägt ist.

Die Idee von Gott und die Symbole, deren man sich zu seiner Beschreibung bedient, sind Ausdruck für das tiefste Anliegen des Menschen. Wenn man sie auf die horizontale Ebene überträgt, wird aus Gott ein Wesen neben anderen Wesen gemacht dessen Existenz oder Nicht-Existenz bewiesen werden soll. vielleicht ist nichts so symptomatich für den Verlust der Tiefendimension als der Streit um die Frage, ob Gott existiere oder nicht, ein Streit, in dem beide Seiten unrecht  haben; denn die Frage selbst ist falsch und konnte überhaupt erst aufgeworfen werden, nachem die Dimension der Tiefe verloren war.

Nachdem der Mensch sich von der Dimension der Tiefe abgeschnitten und sich ihrer Symbole beraubt hat, wird er selbst zu einem Teil der horizontalen Ebene. Er verliert seine Identität und wird zu einem Ding unter Dingen, zu einem Faktor in dem Prozess von errechneter Produktion und berechnetem Verbrauch. Dies ist heute allgemein bekannt. Wir wissen, dag die Rolle jedes einzelnen im Gesellschaftssystem berechenbar ist, und wir können uns diesem Spiel nicht entziehen, selbst wenn wir die Regeln kennen und selbst zur Spielleitung gehören. Der Einfluss der Mentalität der Führenden in Jugendgruppen, der Einfluss des Betriebsgeistes auf die höheren Angestellten, die geistige Nivellierung, die von den öffentlichen Kommunikationsmitteln, von Reklame und Propaganda ausgeht, zum Teil mit Hilfe wissenschaftlich berechneter Reklame-Methoden –all dies ist oft genug beschrieben worden.

Unter solchem Druck kann kaum jemand dem Geschick entgehen, mit den Dingen, die er produziert, selbst zum Ding zu werden, zu einem Bündel bedingter Reflexe, das keine Selbständigkeit mehr hat, keine Entscheidungskraft und kein Verantwortungsbewusstsein. Der ungeheure Mechanismus, den der Mensch in Gang gesetzt hat, um Gegenstände für seinen Gebrauch zu produzieren, verwandelt ihn selbst in einen Gegenstand zum Gebrauch in dem gleichen Mechanismus.

Aber der Mensch hat trotzdem nicht aufgehört, Mensch zu sein. Er setzt sich zur Wehr gegen dieses Schicksal - mit Angst, Verzweiflung und Mut. Er stellt noch immer die Frage nach dem Wozu, aber er weiss keine Antwort darauf. Er fühlt die Leere und die sinnlosigkeit seines Lebens unter dem ununterbrochenen Betrieb, der Produktion von Mitteln für Zwecke, die selbst wieder zu Mitteln werden und auf kein endgültiges Ziel hinweisen. Ohne zu verstehen, was geschehen ist, empfinden viele, dass sie den sinn des Lebens, die Dimension der Tiefe, verloren haben.

In diesem Zustand wird die religiose Frage laut. Was dabei im Innern des Menschen vorgeht, hat seinen Ausdruck gefunden in der Kunst unserer Zeit, gefunden in der bildenden Kunst wie in der Literatur, und- wenn auch in geringerem Masse -in der Philosophie. Wir müssen uns also diesen Gebieten zuwenden, wenn wir die religiöse Haltung des heutigen Menschen verstehen wollen. lm Stil der modernen Kunst sowie in ihren Gegenständen springt  die leidenschaftliche und oft tragische Such nach einem sinn des Lebens aus, in einer Zeit, in der die Dimension der Tiefe verdeckt ist. Moderne Kunst und Philosophie sind nicht religiös im engeren Sinn des Wortes; aber die religiöse Frage wird in ihnen radikaler und dringlicher aufgeworfen als in der sogenannten religiösen Literatur.

Wenn der Romanschriftsteller den vergeblichen Versuch des Menschen beschreibt, den Ort zu finden, der die Antwort auf die Frage nam dem Sinn seines Lebens geben könnte; oder wenn er einen Menschen darstellt, den sein Schuldbewusstsein verfolgt und schliesslich zerstört; oder einen Menschen, dessen Tod ebenso sinnlos ist wie sein Leben; oder einen, der von der Leere seines Lebens angeekelt ist - so geht es ihm im Grunde um die Religiöse Frage.
Wenn der  Dichter die dämonischen und doch faszinierenden Machte in der Tiefe seiner Seele enthüllt; oder wenn er uns in die Leere und Wüste unseres Daseins führt; oder wenn er den physischen und moralischen Schmutz unter der sauberen Oberflache aufdeckt; oder wenn er das Lied von der Vergänglichkeit singt, das die immer gegenwärtige Angst in unserem Herzen ausspricht - dann geht es ihm um die Religiöse Frage.

Wenn der Dramatiker uns in grotesken Symbolen die menschlichen Illusionen vorführt, wenn er ein leeres Leben im Selbstmord enden lässt, wenn er das unausweichliche Verstricktsein in Hass und Schuld darstellt, oder wenn er uns in die dunklen Tiefen verlorener Hoffnung und langsamen Verwesens führt - dann geht es ihm um die religiöse Frage .

Wenn der Maler die äussere Oberfläche der Welt zerbricht und aus den Stucken eine neue Welt aufbaut, die keine Ähnlichkeit mehr mit der Welt hat, wie wir sie zu sehen gewohnt sind, die aber unsere Angst ausdrückt und unseren Mut, dieser Angst standzuhalten - dann geht es ihm um die religiöse Frage.

Wenn der Architekt den Zierat vergangener Stile verschmäht, weil er nicht mehr ehrlicher Ausdruck des eigenen Anliegens ist, und ein nüchternes, scheinbar verarmtes Gebäude hinstellt an Stelle des trügerischen Reichtums bloss nachgeahmter Stile, dann gibt er zwar keine endgültige Antwort auf die religiöse Frage, aber er bleibt ehrlich in dem, was er sagt.

In den beiden Schule der modernen Philosophie finden sich die gleimen verborgenen religiösen Züge. Die Analytische Philosphie befasst sich mit der Logik und der logisch-symbolischen Struktur der Sprache, die allen Wissenschaften zugrunde liegen. Man kann sie mit der Malerei vergleichen, die die natürliche Form der Körper in geometrisme Figuren auflöst; oder mit der Architektur, die es ablehnt, das architektonisme Gerippe mit Verzierungen zu überdecken. Dieser Philosophie ist die gleiche Enthaltsamkeit eigen wie der eben beschiriebenen Kunst, und ihre Demut und ihre Bescheidenheit verleihen ihr religiöse Bedeutung.

lm Gegensatz zu dieser Philosophie befasst sich die existentialistische Philosophie ausdrücklich mit dem Problem der menschlichen Existenz. Was Schriftsteller und Dichter, Maler und Architekten künstlerisch gestalten, übersetzt sie in philosophische Begriffe. Wie die Kunst handelt auch sie von der menschlichen Situation in der endlichen Welt, in Angst und Schuld und verzweiflung über die Sinnlosigkeit des Lebens. Von Pascal im 17. Jahrhundert bis zu Heidegger und Sartre haben die Philosophen auf den Widerspruch zwischen der Würde des Menschen und seinem Elend hingewiesen und damit die religiöse Frage aufgeworfen. Einige haben versucht,  diese Frage zu beantworten; aber sie haben keine neuen Antworten gefunden, sondern sich mit traditionellen Antworten begnügt, die den Fragen unserer Zeit nicht mehr gemass sind. Aber gibt es auf unsere Frage Antworten, die aus der gegenwartigen Situation geboren sind?

Solche Antworten haben die gefährliche Tendenz, die gegenwärtige, verhängnisvolle Lage zu bestätigen, anstatt sie zu transzendieren. In vielen Fallen bedeutet das Anwachsen des Kirchenbesuches und das zunehmende Interesse an kirchlichen Aktivitäten nichts als die Bejahung des Zustandes, in dem die wirkliche religiöse Dimension abhanden gekommen ist. Die Teilnahme an Institutionen, die gesellschtaftlich anerkannt sind, gibt vielen schwachen Menschen ein gewisses Mass ausserer und innerer Sicherheit. Dies zu suchen, ist an sich nicht bedenklich, aber es ist keine Antwort auf die religiöse Frage unserer Zeit.

Gibt es eine solche Antwort? Eine Antwort ist immer vorhanden, aber es ist fraglich, ob wir sie hören können. Vielleicht sind wir zu sehr in die Situation verstrickt, aus -der die Frage hervorgeht, als dass wir eine Antwort finden können. Es ist gewiss besser, dass wir uns dieses Zustandes bewusst werden, als dass wir ihn mit falschen Antworten verdecken, die uns den Weg zu einer wahren

Antwort endgültig versperren. Vielleicht ist in diesem Zugeständnis die wahre Antwort schon enthalten. Bestimmt liegt sie nicht in häufigerem Kirchenbesuch, in Bekehrungen und in Heilakten. Aber die Einsicht, dass wir die entscheidende Dimension des Lebens, die Dimension der Tiefe, verloren haben und dass wir sie nicht leicht wiederfinden können, kann eine Wendung zu ihr hin sein.

Wer versteht, dass er von dem Sinngrund seines Lebens getrennt ist, ist durch dieses Verstehen in gewissem Sinne mit ihm vereint. Deswegen ist uns vor allem die radikale Erkenntnis unserer Situation nötig ohne den Versuch, sie durch säkulare oder religiöse Ideologien zu verdecken. 

Die Wiederbelebung der Religion kann sich zu einer schöpferischen Kraft auswirken, wenn sie uns zur Suche nach der verlorenen Dimension der Tiefe treibt. Dies alles soll nicht bedeuten, dass wir die traditionellen religiösen Symbole aufgeben müssen. In der wörtlichen Ausdeutung, in der sie weitgehende Ablehnung herausgefordert haben, sind sie allerdings sinnlos geworden.

Aber damit haben sie noch nicht ihre echte Bedeutung eingebüsst: nämlich die, auf die Frage zu antworten, die in der Existenz des Menschen beschlossen liegt. Anstatt voreilige und trügerische Antworten anzubieten, müsste die Religion zu einem neuen Verständnis der alten Symbole und ihrer Bedeutung für unsere  gegenwartige Situation verhelfen. Dann konnte ihre Wiedergeburt eine schöpferische Macht in unserer Kultur und eine heilende Kraft für die Menschen werden, die in Entfremdung, Angst und Verzweiflung leben. Jede religiöse Antwort hat den Charakter eines »Trotzdem«. Auch in ihrem Verschwinden ist die Kraft der Tiefe wirksam, und am mächtigsten dort, wo der Verlust am tiefsten empfunden wird. pag. 7-19

Wenn wir sagen, dass die Religion eine Funktion des menschlichen Geistes sie, so heisst das, dass sich uns de menslichen Geist, unter einem besondern Blickpunt betrachtet, als religiös darstellt. Es ist de Blickpunt von dem aus wir in die Tiefe des menschlichen Geistesleben blicken können. Die Religion ist keine spezielle Funktion, sie ist die Dimension der Tiefe in allen Funktionen des menschlichen Geistesleben. pag. 23

Religion ist im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes das, was uns unbedingt angeht. Und das, was uns unbedingt angeht, manifestiert sich in allen schöpferischen Funktionen des menslichen Geistes. pag. 26

Es gibt zwei Richtungen, in denen der Sinn der menschlichen Existenz bildlich dargestellt werden kann: de Vertikale und die Horizontale, wovon die erste auf den ewigen Sinn als solchen hinweist, während die zweite die zeitliche Verwirklichung des ewigen Sinnes meint. Die erste Linie, die vertikale, symbolisiert die Haltung des “Trotzdem”, und weist auf das hin, was man die religiöse Sondersphäre nennen könnte. Die zweite Linie, de horizontale, symbolisiert die Haltung des “Wofür” und weist auf das hin, was wir religiöse Verantwortungssphäre nennen. pag 32-33

Die Religion ist in erster Linie eine geöffnete Hand, eine Gabe entgegenzunehmen, und erst in zweiter Linie eine tätige Hand, Gaben auszuteilen. Nur wer van dem tiefsten Bezirk des Religiösen herkommt und etwas Ewiges in sich trägt, kann der religiösen Aufgabe dienen, das Zeitliche zu verwandlen. Die Vertikale Linie muss dynamisch werden und sich in der Horizontalen verwircklichen. Die Haltung des “Trotzdem” muss die treibende Kraft sein zu allem Handeln im “Wofür”. pag. 36-37

Ihrem Wesen nach sind das Religiöse und das Profane keine getrennte Bereiche. Sie liegen ineinander. So sollte es sein, aber so ist es nicht in der Wirklichkeit. In der Wirklichkeit strebt das Profane element danach, sich selbstständig zu machen und sich einen eigenen Bereich zu schaffen. So auch das Reliogiöse. Die Lage des Menschen ist durch diese Situation bestimmt. Es ist die Situation der Entfremdung des Menschen von seinem wahren Wesen. pag. 58

Religion als das, was uns unbedingt angeht, ist die sinngebende Substanz der Kultur, und Kultur ist die Gesamtheit der Formen, in denen das Grundanliegen der Religion seinen Ausdruck findet. Abgekürzt: Religion is die Substanz der Kultur, und Kultur ist die Form der Religion. Eine solche Betrachtung verhindert endgültig die Aufrichtung eines Dualismus von Religion und Kultur. Jeder religiöse Akt, nicht nur in der organisierten Religion, sondern auch im geheimsten Winkel unserer Seele ist kulturell geformt. pag. 59

Unsere gegenwärtige Kultur kann nicht anders beschrieben werden als durch das Aufzeigen der Doppelheit einer dominierenden strömung und ihrer Gegenströmung. Der Geist der domierenden Strömung ist der Geist der technischen Naturbeherrschung. Der Geist der Gegenströmung ist der Geist der existentialistischen Analyse der menschlichen situation. Der Stil unseres Lebens im 18. und 19. Jahrhundert ist der Ausdruck einer noch ungebrochenen Macht der industriellen Gesellschaft. Davon zeugen eine grosse Anzahl von Analysen, sei es der Denkformen, der Lebensformen oder der Kunstformen. Eine der Schwierigkeiten solcher Stilanalyse beruht auf dem Wechsel der Stile und dem sich ankündigenden Protest, der als Protest seinen Einfluss auf den Stil schon bemerkbar macht. Trotz dieser schwierigkeiten sollen zwei Hauptcharakteristika des Menschen in der industriellen Gesellschaft hervorgehoben werden.

Als erstes Charakteristikum ist zu nennen das starke Interesse für wissenschaftliche Forschung und technische Welt-Gestaltung, einschliesslich des Einflusses beider auf den Menschen selbst. Als unausbleibliche Folge dieser Haltung verlor der Mensch die Dimension der Tiefe. Die Wirklichkeit ihre innere Transparenz verloren oder, in einer anderen Metapher ausgedrückt: ihre Transparenz für das Ewige. Das system endlicher Relationen, das wir das Universum nennen, ruhte nur noch in sich selbst. Es war zu berechnen, zu manipulieren und zu verbessern, je nach des Menschen Wünschen und Bedürfnissen. seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts war Gott aus dem Wirkungsfeld der menschlichen Tätigkeit ausgeschaltet. Er hatte nur noch einen Platz neben der Welt ohne die Erlaubnis, in sie einzugreifen, denn jeder Eingriff bedeutete eine storung der menschlichen Berechnungen und Projekte. lm Endstadium dieses Prozesses war Gott vollig überflüssig geworden, und das Universum war dem Menschen überlassen als seinem Herrn und Meister.

Um seine Bestimmung erfüllen zu können, muss der Mensch im Besitze schöpferischer Kräfte sein, wie sie früher Gott zugeschrieben wurden. Der Konflikt zwischen dem, was der Mensch seinem Wesen nach ist, und dem, was er in wirklichkeit ist - der Zustand der Entfredung, oder in traditionell-biblischen Begriffen: der Zutand der Gefallenheit - wurde vergessen. Tod unschuld verschwanden sogar aus der kirchlichen Verkündigung der frühen industriellen Gesellschaft. Die Angst der Endlichkeit und die Angst der schuld wurden verdrängt, weil sie den Fortschritt in der Eroberung der Natur, sowohl im Menschen selbst wie auch ausserhalb seiner, hemmen würden. Man raumte hochstens ein, dag der Mensch noch nicht so weit sei, wie er kommen könnte, aber man lehnte den Sündenbegriff ab und noch mehr die Schuld,  unter der die Wirklichkeit als Ganzes steht. Die Knechtschaft des Willens, von der Luther sprach, die damonischen Kräfte, von denen im Neuen Testament wiederholt die Rede ist, die strukturen der Destruktion im personlichen und  gesellschaftlichen leben wurden bestritten oder nicht ernst genommen. Man glaubte, dass Erziehung in der lage sei, die meisten Menschen an die Formen der produzierenden und konsumierenden bürgerlichen Gesellschaft anzupassen. Der wirkliche Zustand des Menschen wurde von daher fälschlich als sein wahrer Zustand angesehen, als Zustand fortschreitender Erfüllung seiner Möglichkeiten. Das sollte nicht nur auf den Menschen als einzelnen, sondern auch auf die Gemeinschaft zutreffen. Die wissenschaftliche und technische Eroberung von Raum und Zeit wurde als ein Weg betrachtet, auf dem die Menschheit zu einer Einheit zusammengeführt werden kann. Die dämonischen strukturen der Geschichte, die Machtkämpfe in jedern Akt der Verwirklichung des lebens, wurden als vorläufige Hindernisse betrachtet. Ihr tragisch-unentrinnbarer Charakter wurde geleugnet. Wie das Universum Gott ersetzt, der Mensch im Zentrum des Universums den Christus ersetzt, so ersetzt die Erwartung eines Reiches des Friedens und der Gerechtigkeit innerhalb der Geschichte die Erwartung des Reiches Gottes. Die Dimension der Tiefe im Göttlichen und im Dämonischen ist verschwunden. Das ist der Geist der industriellen Gesellschaft, wie er sich irn Stil ihrer schöpfungen ausdrückt.

Die Haltung der Kirchen dieser Situation gegenüber war widerspruchsvoll. Teils verteidigten sie sich, indern sie sich auf ihre traditionelle Vergangenheit in lehre, Kultus und leben zurückzogen. Aber in diesem Rückzug gebrauchten sie Kategorien, die ihnen die industrielle Gesellschaft lieferte, gegen die sie kämpften. Sie zogen die Symbole, in denen sich die Tiefe des Seins ausdrückte,  herab auf did Ebene gegenständlichen - man möchte sagen zweidimensionalen -Denkens. Sie verstanden sie im wörtlichen Sinn und verteidigtensie, indem sie einen supranaturalen Bereich über dem natürlichen Bereich etablierten. Aber Supranaturalismus ist nur der auf gleicher Ebene stehende Partner des Naturalismus und umgekehrt. Der eine ruft den anderen auf den Plan, und ihr Kampf ist immer unentschieden. Der eine kann ohne sein Gegenteil nicht leben.

Die Unmöglimkeit dieser Art von Verteidigung der Tradition wurde von den Kirchen eingesehen und daher ein anderer Weg gesucht, dem Geist der industriellen Gesellschaft zu widerstehen. Er bestand darin, dass sie die neue Situation anerkannten und versuchten, sich selbst ihr anzupassen, indem sie die traditionellen Symbole auf moderne Weise interpretierten. Das ist die Grösse und die Rechtfertigung dessen, was wir heute »liberale Theologie« nennen. Aber es muss zugestanden werden, dass die liberale Theologie für ihre Anpassung einen hohen Preis zahlte: Die Botschaft vom Neuen Sein, die von den supranaturalistischen Verteidigern bewahrt worden war, ging ihr verloren. So erwiesen sich beide Wege, wie sich die Kirchen gegen den Geist der industriellen Gesellschaft stellten, als unangemessen. pag. 60- 63

Die From der Religion ist Kultur. Das wird besonders deutlich in der Tatsache, das jede Religion die Sprache ihrer Kultur gebrauchen muss. Jede Sprache, auch die biblische, ist das Ergebnis unzähliger Akte kulturellen Schaffens. Alle funktionen des menschlichen Geistes beruhen auf der Fähigkeit des Menschen, zu sprechen – sei es wirkliches oder gedankliches Sprechen. Die Sprache ist der Ausdruck für die Menschlichen Freiheit gegenüber der gegebenen Situation und ihren konkreten Forderungen. Sie stellt ihm die Universalien zur Verfügung, mit deren Macht er Welten über der gegebenen schaffen kann – z.B. die Welt der Technik und die Welt des Geistes. Umgekehrt bestimmt die Entwicklung solcher Welten die Entwicklung der Sprache. Es gibt keine sakramentale Sprache, die von einem supranaturalen Himmel heruntergefallen und zwischen den Deckeln eines Buches festgelegt ist. Dagegen gibt es menschliche Sprache, die hervorgegangen ist aus der Begegnung des Menschen mit der Wirklichkeit…Die Religiöse Sprache ist gewöhnliche Sprache, aber verändert kraft dessen, was sich ausdrückt: das Letzte in Sein und Sinn. pag. 65-66

 



 

 

                         

 

 

 

 

 

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canandanann 15-06-2008